Mittwoch, 17. November 2010

Das Leben als Cartoonist: Joscha Sauer

Um auch das Leben hinter den Comicfiguren zu zeigen, gibt es bei myComics eine Interviewreihe, in der verschiedene deutsche Comickünstler und Cartoonisten porträtiert werden. Diesmal im Gespräch: Joscha Sauer, der Cartoonist der Serie NICHTLUSTIG.

Seit 2000 zeichnet er die Cartoons um Lemminge, Yetis, Dinosaurier und viele andere seltsame Figuren und stellt diese ins Internet. Mittlerweile hat er auch mehrere NICHTLUSTIG-Bücher beim Carlsen-Verlag veröffentlicht, und erhielt 2009 den Sondermann-Preis in der Kategorie "Bester Cartoon" für "NICHTLUSTIG 4" .


Joscha Sauer vor seinen NICHTLUSTIG-Figuren

Hausbesuch bei Joscha Sauer

Wann hast du gemerkt, dass du Talent zum Zeichnen hast, bzw. wann hast du mit dem Zeichnen angefangen?
Gezeichnet hab ich eigentlich schon immer. Dass ich dazu ein bisschen Talent habe, hat sich schon im Kindergarten bemerkbar gemacht. Damals bin ich laut meiner Eltern morgens nicht aus dem Haus, wenn ich nicht vorher zumindest ein Bild gemalt hatte. Aber ich sehe mein Talent als Zeichner trotzdem recht begrenzt. Es reicht aber eben für meine Cartoons. Und für Cartoons ist es ja nicht wirklich relevant, ob jemand wunderbar zeichnen kann. Da geht es mehr um den Humor und die Ideen.

Zu Beginn hast du nur online veröffentlicht. Ist das heutzutage der beste Weg für Newcomer, um wahrgenommen zu werden?
Es war für mich ein toller Weg. Aber das bedeutet nicht, dass dieser Weg für alle der beste ist. Ich hatte großes Glück, genau zu einem Zeitpunkt mit NICHTLUSTIG anzufangen, als das Internet mir die Möglichkeit dazu gegeben hat. Fünf Jahre früher wäre das so nicht denkbar gewesen. Technik und Veröffentlichungswege entwickeln sich ja ständig weiter und eröffnen neue Möglichkeiten. Und manchmal ist es gut, diese zu nutzen. Manchmal auch nicht. Da muss jeder für sich selbst den idealen Weg finden, um auf sich aufmerksam zu machen.

Was sind deine aktuellen Projekte?
Viele verschiedene Sachen. NICHTLUSTIG hat sich in den letzten Jahren ja sehr gemausert und gibt mir die Möglichkeit in sehr unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten. Natürlich mache ich weiterhin Cartoons für meine Internetseite. Ausserdem arbeite ich grade an Merchandise für nächstes Jahr. Einen Relaunch der Internetseite mit neuen Optionen wird es auch geben. Und dann arbeite ich auch noch an der NICHTLUSTIG-Trickfilmserie, die es hoffentlich irgendwann geben wird.


Neues vom Tod

Woher stammen deine Ideen? Sind das alles spontane Einfälle?
Auch hier, kein Patentrezept für Ideen. Einige Ideen schießen einem fertig in den Kopf und müssen quasi nur noch gezeichnet werden. Andere Ideen sind eher wage und ich muss länger darüber nachdenken und ein paar kleine Skizzen machen, bevor ich weiss, wie ich sie umsetze. Und dann gibt's auch die Ideen, die man sich vor nem komplett weissen Blatt Papier ausdenkt, weil man einfach neue Ideen braucht. Wichtig ist, für Ideen und somit für Quatsch immer offen zu sein. Ich renne nicht 24 Stunden am Tag mit meinem Skizzenbuch durch die Welt und meine Cartoons sind eigentlich nie direkt durch realen Begebenheiten inspiriert. Aber ich glaube fest daran, dass man Kreativität und Humor trainieren kann. Und wenn man dem Hirn dann ein Fitzelchen Inspiration hinwirft, kann es sehr viel schneller erkennen, ob darin eine brauchbare Idee steckt und was damit anzufangen ist.

Was war der bisherige Höhepunkt deiner Karriere?
So was gibt es eigentlich nicht. Ich bin da auch sehr getrieben und mit dem Kopf immer schon drei Schritte weiter als mein fauler Körper zulässt. Für mich ist NICHTLUSTIG ein großes zusammenhängendes Projekt. Daher fällt es mir schwer, da einzelne "Höhepunkte" rauszupicken. Bis jetzt läuft insgesamt alles sehr schön.

… und was war der Tiefpunkt?
Genau die gleiche Antwort. Es gibt Zeiten, da läuft es schneller und einfacher, andere Zeiten, in denen läuft es nicht so gut. Aber die hängen ja trotzdem alle zusammen und führen einen irgendwohin. Selbst die schlechteren Zeiten, in denen man uninspiriert und lustlos ist, haben manchmal zu Dingen geführt, die mir sehr geholfen haben. Einzelne Punkte zum Verdammen kann ich da also nicht rauspicken.


Lemming-Spieleabend

Viele deiner Cartoons sind schwarzhumorig. Bist du ein Zyniker?
Ich hoffe nicht. Ich finde Zynismus als Bestandteil von Humor sehr unterhaltsam, als Lebenseinstellung allerdings schrecklich. Und ich denke, man merkt meiner Arbeit auch an, dass ich zwar ein Faible für schwarzen Humor habe, aber diesen mit sehr viel Liebe umsetze. Und erst das macht es für mich interessant. Ich mag Gegensätze und unerwartetes. Daher ist es grade bei schwarzem Humor wichtig, einen schönen Gegenpol zu schaffen. Sonst wirkt sowas schnell verbittert.

Wie kamst du darauf, eine Figur zu entwickeln, die in der Wand wohnt? (Riebmann)
Einer meiner Freunde hat vor zehn Jahren seinen Zivildienst in einer evangelischen Gemeinde geleistet und hatte für den Zeitraum eine kleine Zivildienstwohnung direkt neben einer Kirche. Er hatte damals ein bisschen Geldprobleme und eines Abends überlegte er ernsthaft, ob er in dieser gefühlten 10-Quadratmeter-Wohnung noch jemanden zur Untermiete einziehen lassen könnte. Wir haben dann überlegt, wo in seiner Wohnung überall Untermieter leben könnten. "In der Wand" haben wir zwar nicht erwähnt, aber die Grundidee war in meinem Kopf und als ich ein paar Wochen später einen seltsamen Cartoon zeichnete, in dem ein "Herr Riebmann" in der Wand lebt und seinem Nachbarn das Essen schlecht redet, hab ich wohl wieder daran gedacht. Dass diese Figur auch zehn Jahre später noch existiert, hätte ich damals aber natürlich nicht vermutet.

Gibt es für dich so etwas wie einen normalen Arbeitstag und, wenn ja, wie sieht der aus?
Nein, gibt es nicht. Immer anders. Mal sehr arbeitsreich, mal sehr unproduktiv. Mal früh aufstehen, mal bis mittags schlafen. Das ist sehr projekt- und stimmungsabhängig.


Schreibtisch-Stilleben

Falls dir neben dem Zeichnen noch Zeit für anderes bleibt, was machst du dann am liebsten?
Tatsächlich lässt sich Arbeit bei mir schwer vom Privatleben trennen. Das ist ein fließender Übergang. Natürlich koche ich gerne mit Freunden oder sehe mir Filme und Serien an, aber auch hier unterhält man sich dann über Ideen und was einen eben antreibt. So richtig hört man eigentlich nie auf zu arbeiten. Der Fluch und der Segen des selbständigen Freiberuflers.

Angenommen, du könntest eine Comicfigur sein, für wen würdest du dich entscheiden?
Barbapapa. Da ist man flexibel.

Du gehörst zu einer kleinen Gruppe von deutschen Comic-Künstlern/Cartoonisten, die von ihrer Kunst auch leben können. Was ist dein Geheimnis (was machst du anders? Besser?)
Keine Ahnung. Ich hatte viel Glück und bin ein bisschen talentiert.

Was empfiehlst du also Nachwuchskünstlern, die vielleicht gerade eine Zeichnerkarriere anstreben?
Konkrete Tipps sind da immer schwer. Das wichtigste ist meiner Meinung nach, das zu machen, was man selbst gut findet. Es gibt viele Kreative, die glauben, für eine imaginäre Zielgruppe arbeiten zu müssen. Das finde ich unsinnig. Am besten das machen, was man selbst liebt. Dann ist der Erfolg natürlich immer noch nicht garantiert, aber man ist zumindest zufrieden mit der eigenen Arbeit und stolz darauf. Ansonsten so viel wie möglich präsentieren und anderen Leuten zeigen. Offen sein für Kritik, aber nicht blind alles schlucken, sondern über jedes Feedback nachdenken und dann entscheiden, ob man das ähnlich oder eben anders sieht. Es gibt ja nicht den einen Weg.


Die NICHTLUSTIG-Webseite

Gibt es Kollegen, die du besonders für ihre Kunst schätzt?
Da ich selbst kaum Comics und Cartoons lese, gibt es da nicht wirklich viele. Ralph Ruthe und Flix sind zwei meiner besten Freunde und ich schätze dadurch natürlich sehr den Austausch mit ihnen und finde beeindruckend, wie produktiv und vielseitig die beiden arbeiten. Ansonsten beschäftige ich mich zu wenig mit Comics.

Haben es Comics/Cartoons schwerer in Deutschland als anderswo?
Da ich nur in Deutschland lebe, kann ich dazu leider nix sagen. Ich vermute aber, dass es hier nicht leichter oder schwerer als sonstwo ist. Nur eben anders.

Gibt es so etwas wie klassische Don’ts im Comic-Geschäft. Also, Dinge, die man auf keinen Fall tun sollte, wenn man erfolgreich sein will?
Nackt mit einem Luftgewehr von einem Kirchturm auf Passanten schießen.

Was wärst du geworden, wenn es mit dem Zeichnen nicht geklappt hätte?
Keine Ahnung. Sowas ist ja immer extrem theoretisch. Ich hätte auf jeden Fall versucht, in eine ähnlich selbständige kreative Richtung zu marschieren. Vielleicht hätte ich weiter Regie geführt. Vielleicht wäre ich Autor geworden. Vielleicht hätte ich mein Talent fürs Stricken entdeckt und wäre Norwegerpullimillionär geworden. Wer weiss....

Eine Welt ohne Comics/Cartoons wäre für dich … ?
... eine der eher schlechteren Twilight-Zone-Episoden.

Yetis, Dinosaurier, Lemminge, Zauberer, Außerirdische … mit welcher deiner Figuren kannst du dich am meisten identifizieren bzw. in welcher Figur steckt am meisten Joscha Sauer?
Alle Figuren zusammen genommen ergeben am ehesten ein Bild von mir. Ich glaube auch nicht, dass man für Figuren schreiben kann, die nicht zum kleinen Teil in einem selbst ruhen. Daher gibt es nicht die eine Figur, die mein Alter Ego ist. Das sind schon alle Figuren zusammen.

Danke für das Interview!

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Mehr von und über Joscha Sauer - Cartoons, Fotos, Blog, Bücher, Links, Wallpaper - gibt es auf NICHTLUSTIG.de.

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